Armut

Themenbereich des ISS


Langzeitstudie zur Lebenssituation und Lebenslage von (armen) Kindern

Der Ausgangspunkt der AWO-ISS-Studie geht auf das Jahr 1997 zurück. Bereits vor mehr als 20 Jahren hat die Arbeiterwohlfahrt das Thema Kinderarmut als sozialpolitisch relevant identifiziert und das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik mit einer empirischen Untersuchung dieses wichtigen gesellschaftspolitischen Phänomens beauftragt.

Untersucht werden die Lebensverläufe von ursprünglich 893 Kindern, die vor 20 Jahren bundesweit 60 Kindertagesstätten der Arbeiterwohlfahrt besucht haben. Damals waren die Kinder sechs Jahre alt und wohnten überwiegend in benachteiligten Vierteln. Während damals die bundesweite Quote bei den Fünf- und Sechsjährigen bei gut 11 % lag, war der Anteil der armen Kindern in unserer Stichprobe mehr als doppelt so hoch und lag bei 26 %. Die Lebensverläufe dieser Kinder wurden stets differenziert nach ihren Armutserfahrungen und dabei insgesamt zu vier Zeitpunkten, d. h. mit sechs, zehn, 16/17 und nun mit 25 Jahren quantitativ und qualitativ untersucht. Die Leitfragen der bisherigen Untersuchungen waren: Was kommt bei den Kindern in armen und nicht armen Familien an und welche Armutsfolgen lassen sich bei den Kindern und später bei den Jugendlichen identifizieren?

Im Jahr 2018 konnten wir 205 Personen erneut befragen (d. h. 23 % der ursprünglichen Stichprobe). 23 Personen haben wir darüber hinaus persönlich interviewt. Bei den Analysen wollten wir rekonstruieren, was aus den ehemals sechsjährigen armutsbetroffenen Kindern geworden ist und ob unsere Studienteilnehmenden die Familienarmut bis zum jungen Erwachsenenalter überwinden konnten. Wenn ja, dann stellte sich die Frage, „Was hat ihnen geholfen?“ und wenn nein, „Wie können wir dies erklären?“.

Die zentralen Forschungsfragen waren

  • zum einen, wie sich Armut im jungen Erwachsenenalter auf die Betroffenen auswirkt und
  • zum anderen, welche Langzeitfolgen von Armut können wir bei den 25-Jährigen feststellen.

Auch Übergänge ins junge Erwachsenalter haben wir empirisch untersucht und dabei unterschiedliche Muster identifiziert.

Als „arm“ definieren wir Haushalte, die über weniger als 60 % des mittleren Einkommens in Deutschland verfügen oder staatliche Mindestsicherungsleistungen beziehen. Das Besondere am mehrdimensionalen Armutskonzept der Studie ist, dass die finanziellen Aspekte der Familien stets in Verbindung mit Lebenslagen der Kinder in vier Dimensionen betrachtet werden. Dadurch können wir die Zusammenhänge zwischen Armut und materieller, sozialer, kultureller und gesundheitlicher Lage der Kinder zunächst differenziert und dann nach drei Lebenslagetypen zusammenfassend analysieren. Während die Studienergebnisse für Deutschland nicht repräsentativ sind, lassen sich daraus zahlreiche sozialpolitisch relevanten Tendenzen ableiten.

So lautete die Kernaussage der bisherigen Studienphasen: Es gibt kein Automatismus zwischen einmal arm - immer arm, wohl aber enge Verbindungen. Das Leben in Armut reduziert die Chancen des Lebens der Kinder im Wohlergehen erheblich bzw. geht bei mehr als jedem dritten armutsbetroffenen Kind mit multipler Deprivation, d. h. gravierenden Einschränkungen und Belastungen einher.

Das ISS und die Arbeiterwohlfahrt stellten die Ergebnisse der aktuellen Studie am 6. November 2019 auf einer Abschlusstagung „Kindheit – Jugend – Erwachsenenalter: (Langzeit-)Folgen Armut im Lebensverlauf“ vor und diskutierten die Implikationen für Sozialpolitik und Soziale Arbeit mit Vertreter*innen von Wohlfahrtsverbänden, Politik und Wissenschaft. Der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, Wolfgang Stadler, stellte das von der AWO auf Grundlage der Studienergebnisse erarbeitete Forderungspapier vor, wie durch Armutsprävention und -bekämpfung das Aufwachsen aller jungen Menschen im Wohlergehen besser gelingen kann. Der Bundesminister für Arbeit und Soziales Hubertus Heil stellte die aktuellen Maßnahmen der Bundesregierung zur Armutsbekämpfung vor. Drei langjährige Teilnehmer*innen der Studie haben im Rahmen der Abschlussveranstaltung von ihren Erfahrungen mit der Studie berichtet und Einblicke in ihr Leben gegeben.

Die Studie bis 2012

Die Studie umfasste bisher:

Der im Auftrag des Bundesverbandes der Arbeiterwohlfahrt erstellte Abschlussbericht der 5. Phase der Langzeitstudie, mit dem Titel "Wenn Kinderarmut erwachsen wird ...", kann per E-Mail zum Selbstkostenpreis von 19,90 € bestellt werden. Die Kurzfassung der Studienergebnisse steht zum Download bereit.

Ziele der Langzeitstudie waren:

  • Erkenntnisgewinn über die Situation und die Entwicklung von armen im Vergleich zu nicht armen jungen Menschen
  • Fachliche Weiterentwicklung der praktischen (Sozial-)Arbeit mit (armen) Minderjährigen und ihren Familien
  • Verbesserung der Verbandsarbeit
  • Einflussnahme auf Fach-/Sozialpolitik, insbesondere zur Umsetzung struktureller Armutsprävention

Forschungsthemen:

  • Formen und Folgen von Armut bei Heranwachsenden
  • Bewältigung von Armut durch die Heranwachsenden und deren Familien
  • Zukunftschancen der armen Jungen und Mädchen
  • Umfang und Formen der sozialen Unterstützung, insbesondere durch Soziale Dienste

Auftrag an das ISS-Frankfurt a. M. war es, durch empirische Grundlagenforschung mit Anwendungsorientierung eine fundierte Grundlage für das Engagement sozialer Organisationen, insbesondere der AWO, zur Bekämpfung von kindbezogenen Armutsfolgen zu schaffen.

Dr. Irina Volf
Bereichsleitung für die Themenbereiche Armut und Migration
069 95 789 - 138
irina.volf(at)iss-ffm.de

 

Gerda Holz
wissenschaftliche Mitarbeiterin
069 95 789 - 131
gerda.holz(at)iss-ffm.de

Claudia Laubstein
wissenschaftliche Mitarbeiterin
069 95 789 - 189
claudia.laubstein(at)iss-ffm.de

Evelyn Sthamer
wissenschaftliche Mitarbeiterin
069 95 789 - 126
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