Armut

Themenbereich des ISS


Metaanalyse von Kinderarmutsstudien

Armut von Kindern wird in Deutschland spätestens seit der Jahrtausendwende in der Öffentlichkeit und Politik als gesellschaftliches Problem wahrgenommen.

Die Folgen des Aufwachsens in einer einkommensarmen Familie werden aus zwei Perspektiven diskutiert: Zum einen steht die unmittelbare Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen in ihrer alltäglichen Lebenswelt im Fokus und es wird nach Risiken für die Exklusion aus einer normalen Kindheit und der Beeinträchtigung von Kinderrechten gefragt. Zum anderen gilt Armut auch als Risikofaktor für die Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen und der Blick richtet sich auf die daraus resultierenden gesellschaftlichen Folgeprobleme, wie die Notwendigkeit (teurer) staatlicher Interventionen, eine zunehmende soziale Ungleichheit und die damit verbundenen Risiken für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die hohe gesellschaftliche Relevanz des Themas hat zur Folge, dass es eine Vielzahl von Veröffentlichungen gibt, die sich auf Kinderarmut beziehen. Gleichwohl fällt auf, dass in den meisten Veröffentlichungen zum Thema Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche nur auf eine Handvoll empirischer Studien verwiesen wird, um die Argumentation zu unterstützen. Diese Diskrepanz zwischen einer unübersichtlichen Veröffentlichungsflut und Unklarheiten über den tatsächlichen empirischen Stand und eventuelle Forschungslücken war für die Bertelsmann Stiftung Ausgangspunkt zur Beauftragung einer Überblicksstudie.

Unsere umfassende Recherche erbrachte, dass 59 relevante und einzubeziehende Forschungsarbeiten vorlagen, sie bildeten die Grundgesamtheit der Metastudie.

Der Überblick über alle Forschungsarbeiten zeigt interessante Gemeinsamkeiten: Armut ist in allen untersuchten Bereichen mit Risiken für Benachteiligungen und Defiziten verbunden. Der Zusammenhang ist nicht deterministisch, aber typisch: Nicht alle armen Kinder schneiden schlecht in der Schule ab, haben wenige Freunde, rauchen früh ihre erste Zigarette und müssen ihr Zimmer mit Geschwistern teilen. Aber diese Einschränkungen sind typisch für arme Kinder, während sie bei Kindern aus besser situierten Familien als untypisch anzusehen sind.

Als gesicherte Erkenntnisse können vor dem Hintergrund der untersuchten Studien gelten (deutlich verkürzte Auswahl):

  • ­Die Grundversorgung ist beispielsweise in den Bereichen Wohnen und Ernährung bei armen Kindern eingeschränkt. Die materielle Teilhabe ist deutlich eingeschränkt.
  • ­Armut wirkt sich nicht einheitlich negativ auf die sozialen Beziehungen aus. Die Ergebnisse liefern Hinweise auf moderierende Faktoren, die den Einfluss von Armut auf die soziale Integration sowohl kompensieren als auch verstärken können. Armut kann die Familienbeziehungen belasten, was mit weiteren Auswirkungen auf die gesamte Lebenslage verbunden ist.
  • ­Für arme Kinder und Jugendliche besteht von früher Kindheit an ein hohes Risiko für die Bildungsbiografie. (Einkommens-) Armut hat neben weiteren Aspekten der sozialen Lage einen eigenständigen Einfluss auf die schulischen Kompetenzen und die Leistungsbewertung.
  • ­Die Studien zeigen gesundheitliche Einschränkungen, die jedoch nicht eindeutig finanzieller Armut zugeordnet werden können, sondern möglicherweise in Wechselwirkung mit dem Bildungshintergrund und weiteren Faktoren stehen.

Am 12. September 2016 wurde die Metastudie von der Bertelsmann Stiftung veröffentlicht: Lesen Sie hier mehr ...

Dr. Irina Volf
Bereichsleitung für die Themenbereiche Armut und Migration
Tel: 069 95 789 - 138
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