Kinder, Jugend, Familie

Themenbereich des ISS


Fallverstehen in der Hilfeplanung

Qualifizierungsreihe für den KJS Frankfurt 2015 - 2018: Der Kinder- und Jugendhilfesozialdienst (KJS) ist die zentrale Anlaufstelle für Kinder, Jugendliche und ihre Familien bei allen Fragen, die ihre Lebenssituation bzw. psycho-soziale Fragen und Probleme betreffen.

Die Veränderungen in sozialstaatlichen Leistungssystemen, insbesondere im Bereich des SGB VIII, und die veränderten Lebenslagen der Bürger*innen stellen den KJS vor besondere Herausforderungen. Aufgabenvielfalt und die Heterogenität dieses sozialarbeiterischen/sozialpädagogischen Handlungsfeldes kennzeichnen die besonderen Anforderungen an die im KJS tätigen Fachkräfte. In erster Linie geht es darum, junge Menschen und ihre Familien in schwierigen Lebenssituationen zu beraten, zu begleiten und zu unterstützen.

Die Fachkräfte bewegen sich damit in einem Spannungsfeld von Beraten und Informieren, Moderieren und Vermitteln, Begleiten und Unterstützen, aber auch Konfrontieren und Formulieren eigener Standpunkte und Normen sowie Kontrollieren und Eingreifen. Die Bearbeitung von komplexen Kinder- und Jugendhilfe-Fällen, die i.d.R. von Mehrdeutig- und Unwägbarkeit gekennzeichnet sind und in den seltensten Fällen eindeutige Zuordnungen von Ursachen und Wirkungen zulassen, ist eine zentrale Aufgabe der Mitarbeiter*innen im KJS. Um diesem Anforderungsprofil gerecht zu werden, benötigen die Fachkräfte einen gut gefüllten methodischen Handwerkskoffer.

Systemische Ideen und Methoden in der Fallbearbeitung ...

Neben einem gut gefüllten Methodenkoffer ist ein ausgewiesenes professionelles Selbstverständnis notwendig. Beide Aspekte, Selbstverständnis und methodisches Handeln, bedingen sich gegenseitig und stellen eine zentrale Grundlage für gemeinsames fachliches Handeln dar.

Diese gemeinsame Grundlage ist insbesondere im Rahmen der Hilfeplanung als zentralem Kernprozess der Tätigkeiten im KJS von großer Bedeutung. Im Jugend- und Sozialamt der Stadt Frankfurt ist dieser Prozess durch die Frankfurter Richtlinie zum § 36 SGB VIII geregelt und von zentraler Bedeutung für die Umsetzung der Hilfeplanung. Grundsätzlich ist die Gestaltung von Hilfeplanungsprozessen ist eine anspruchsvolle Beratungs- und Managementaufgabe für die Mitarbeiter*innen der Sozialen Dienste: Sie gestalten aktiv Beziehungen, sie klären und berücksichtigen die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse, sie vermitteln zwischen allen Beteiligten und schaffen die Basis für Kooperation. Sie orientieren sich an den Ressourcen, entwickeln gemeinsame Zielsetzungen und Lösungen und sichern die Transparenz und Fachlichkeit im Prozess. Einerseits geht es um den Anspruch der Bürger*innen auf eine weitestgehende Gleichbehandlung, zum anderen enthält der Prozess der Hilfeplanung besonders viele Schnittstellen – auch in „systemfremde“ Bereiche. Drittens ergeben sich durch Methodensicherheit Entlastungseffekte für einen beruflichen Alltag, der allzu oft großen Belastungen ausgesetzt ist.

Für die Fallbearbeitung im ASD gibt es traditionell eine große Palette unterschiedlicher Gesprächs- und Beratungskonzepte (z. B. psychoanalytische, klientenzentrierte, kommunikationstheoretische, gruppendynamische), die ihre Wurzeln in den jeweiligen therapeutischen Ansätzen haben. Ohne die Wirksamkeit dieser vielfältigen Denk- und Handlungsansätze in Frage zu stellen, werden in den folgenden Ausführungen zur Fallbearbeitung systemische Ideen und Methoden immer wieder eine zentrale Rolle spielen. Der aufmerksame Blick für den Kontext und das soziale Umfeld, Orientierung an den unterschiedlichen Sichtweisen und Aufträgen, Nutzen von Ressourcen und der Einbezug von Lösungsideen der Klientinnen und Klienten – all dies sind Grundsätze, die aus der sozialen Arbeit im Sozialen Dienst nicht mehr wegzudenken sind. In der Folge werden die Problemlagen nicht ausschließlich als individuelle, persönliche verstanden, sondern in einem Kontext von Lebenssituationen, materiellen Verhältnissen und persönlichen Belastungen gesehen.

... um Prozesse hilfreich in Bewegung zu bringen

Die systemischen Prämissen „Beziehung – Interaktion – Kommunikation, Zirkularität, Autonomie und Eigensinn von Menschen, Unmöglichkeit instruktiver Interaktion, Subjektive Wirklichkeitskonstruktion, Ressourcen- und Lösungsorientierung“ haben in der Fallbearbeitung weitreichende Folgen im Umgang mit den Klienten und verändert die Rollenbilder der Fachkräfte im ASD: Sie können ihre Klientensysteme weder objektiv beschreiben, noch instruktiv lenken. Klient*innen handeln und entwickeln sich entsprechend ihrer eigenen Logik, sie sind die Expert*innen für ihr Leben. Dies erfordert zwangsläufig Respekt und Wertschätzung für das jeweilige Gegenüber, seine Sicht der Dinge und seine Bemühungen, sein Leben zu meistern. Fachkräfte im ASD sind nun weniger Expert*innen für die Sache, das Problem und mögliche Lösungen, sondern eher für die Ingangsetzung hilfreicher Prozesse. Sie verhelfen zu unterschiedlichen Sichtweisen und ermöglichen das hypothetische Durchspielen alternativer Verhaltens-, Denk- und Fühlweisen, um das Klienten-System anzustoßen, anzuregen oder auch zu irritieren. Solche Perspektiven verändern auch das methodische Handeln im ASD. Mit einer ressourcenorientierten Haltung geht es vor allem darum, die Kompetenzen und Fähigkeiten der Menschen zu entdecken und zu würdigen und darum, nach Ausnahmen, Erfolgen und dem, was gelingt, zu suchen, um es dann für problematische Bereiche zu nutzen.

Mit dieser Qualifizierungsreihe, die allen Fachkräften im KJS angeboten wird, zielt der Fachbereich Jugend sowohl auf die Entwicklung eines gemeinsamen methodischen Handeln als auch auf ein einheitliches Selbstverständnis.

Dr. Mara Kuhl
Bereichsleitung Gleichstellung und Europa
Tel: 030 616 717 9-17
mara.kuhl(at)iss-ffm.de