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Armut

Themenbereich des ISS

Befragung junger Menschen, die von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht oder betroffen sind, zur Nutzung von Social Media

Differenzierte Analysen der Social-Media-Nutzung junger Menschen, die von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen oder bedroht sind, fehlen in repräsentativen Erhebungen weitgehend. In einer explorativen ISS-Studie, im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung, wurden die (digitalen) Alltagswelten und Medienpräferenzen genauer untersucht. Auch der Faktor Einsamkeit spielte eine Rolle.

Mit dem Ziel, besonders schwer erreichbare Zielgruppen sichtbarer zu machen und für sie passgenaue Bildungsangebote im Bereich Bewegtbild und Social Media zu entwickeln, wurde eine qualitative Befragung mit Fokus auf die Plattformen Instagram, YouTube, TikTok und Twitch durchgeführt. An der Umfrage nahmen 203 junge Menschen im Alter zwischen 16 und 29 Jahren teil. Die Rekrutierung erfolgte über (pädagogische) Fachkräfte an zehn Standorten in Deutschland, die mit sozial benachteiligten jungen Menschen an Schulen, Jugendtreffs und in (Bildungs-)Einrichtungen arbeiten. Ein Teil der Befragung fand in Gruppensettings statt, daher kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch einzelne junge Menschen ohne Armuts- oder Ausgrenzungserfahrungen an der Studie teilgenommen haben.

Soziale Ungleichheit in der Freizeitgestaltung und Social-Media-Nutzung
Die Social-Media-Nutzung ist eine der Top-vier-Freizeitaktivitäten, die zum Alltag der Mehrheit der befragten jungen Menschen gehören: Musik hören (58 %), sich mit Leuten treffen (57 %), Nutzung von sozialen Medien (54 %) sowie etwas mit der Familie unternehmen (52 %). Eine tiefergehende Analyse der Freizeitaktivitäten verdeutlicht allerdings große Unterschiede in Abhängigkeit von der sozialen Lebenslage der Befragten. In Anlehnung an das Konzept und die Erkenntnisse aus der AWO-ISS Langzeitstudie zur Kinderarmut wurden die Studienteilnehmenden zunächst mithilfe von acht Indikatoren in drei Lebenslagentypen aufgeteilt, die ein klar abgestuftes Bild in Hinblick auf die unterschiedlichen Lebenslagen vermitteln: von Sicherheit und Teilhabe („Wohlergehen“ 11 %) auf der einen Seite, über erkennbare Defizite („Benachteiligung“ 70 %) bis hin zur umfassenden materiellen, sozialen und kulturellen Not („Multiple Deprivation“ 18 %). Während junge Menschen im Typus „Wohlergehen“ über vielfältige Möglichkeiten verfügen, ihre Freizeit aktiv, sozial eingebunden und abwechslungsreich zu gestalten, fällt das Profil bei jungen Menschen mit Lebenslagentyp „Benachteiligung“ bereits deutlich einfacher aus. Besonders eingeschränkt ist die Freizeitgestaltung bei Jugendlichen mit dem Lebenslagentyp „Multiple Deprivation“: Hier dominieren Rückzug, passiver Medienkonsum und eingeschränkte soziale Teilhabe. Entsprechend unterscheiden sich auch die Interessen und Bedürfnisse der jungen Menschen auf Social Media in Abhängigkeit von ihren sozialen Lagen.

Einsamkeit als prägender Einflussfaktor – auch bei der Social-Media-Nutzung
Unter den Indikatoren wurden u.a. auch Einsamkeitserfahrungen abgefragt. Rund 14 % der befragten jungen Menschen gaben an, sich häufig einsam zu fühlen – darunter 15 Frauen, zwölf Männer und eine Person, die sich als divers identifiziert. Die Mehrheit in dieser Gruppe hat einen Migrationshintergrund (71 %) und ist überwiegend zwischen 16 und 18 Jahren alt (64 %), vereinzelt aber auch bis 29 Jahre. Etwa die Hälfte lebt im Lebenslagentyp „Benachteiligung“, die andere Hälfte im Typus „Multiple Deprivation“, was ihre sozialen und ökonomischen Belastungen zusätzlich verdeutlicht.

Einsamkeit wirkt sich spürbar auf die Themen aus, mit denen sich diese jungen Menschen beschäftigen. Für die häufig Einsamen steht das Thema „Psychische Gesundheit“ besonders im Fokus – mehr als die Hälfte (57%) setzt sich intensiv damit auseinander. Auch kreative Ausdrucksformen wie Malen, Schreiben oder Fotografie spielen eine zentrale Rolle (43%), vermutlich als Mittel zur Selbstreflexion und emotionalen Bewältigung. Etwa ein Drittel der Befragten, die sich häufig einsam fühlen, gaben an, dass Dating und romantische Beziehungen für sie von großer Bedeutung sind – ein Hinweis auf das starke Bedürfnis nach Nähe und sozialer Verbundenheit. 

Im Vergleich zeigte diese Gruppe ein höher ausgeprägtes Interesse für die Themen „Armut in Deutschland“ und den Klimawandel. Gleichzeitig gaben sie an sich für „Geld / Wirtschaft“ sowie Gaming weniger zu interessieren. Für die Interpretation dieser zum Teil widersprüchlichen Angaben bedarf es weiterer Forschung.

Insgesamt deuten die Erhebungsergebnisse darauf hin, dass einsame junge Menschen, die von Armut betroffen oder bedroht sind, in Social Media vor allem emotionale Resonanz, kreative Ausdrucksmöglichkeiten und verständliche Wissensvermittlung suchen. Besonders ansprechend für sie sind Formate mit Musik, echten Menschen in Erklärvideos oder kreative DIY-Inhalte, die Nähe und Authentizität vermitteln. Reine Unterhaltung ohne Tiefgang reicht hingegen oft nicht aus, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen.
 

Auftraggeber: Bundeszentrale für politische Bildung
Laufzeit: 2025
Projektmitarbeiterin: Dr. Irina Volf

 

Dr. Irina Volf
Direktorin und Bereichsleitung Armut
069 95 789 - 138
irina.volf(at)iss-ffm.de