Migrantenorganisationen in der Sozialen Arbeit
Fachtagung diskutiert Arbeitsfelder, Potenziale und Grenzen
Wurden Migrantenselbstorganisationen (MSO) in Deutschland früher häufig als potenzielles Hindernis für die Integration ihrer Mitglieder beäugt, erfahren sie seit dem nationalen Integrationsplan eine Aufwertung im politischen Diskurs. Auch in den Unterstützungsfeldern der Sozialen Arbeit gewinnen sie seit einigen Jahren die verdiente Anerkennung. Vor diesem Hintergrund lud das ISS-Frankfurt a. M. zur Fachtagung „Migrantenselbstorganisationen in der Sozialen Arbeit“ am 28.10.2010 ins Instituto Cervantes in Frankfurt ein. Unterstützt wurde die Veranstaltung vom Hessischen Ministerium der Justiz, für Integration und Europa, für das der Abteilungsleiter Integration, Dr. Walter Kindermann, die Teilnehmenden begrüßte.
Die eintägige Veranstaltung stellte zentrale Befunde aus Wissenschaft und Praxis vor und bot ein Forum, um das vielfältige Engagement von Migrantenselbstorganisationen in den Themenfeldern der Sozialen Arbeit zu diskutieren. Gründe für das gewachsene Interesse an Migrantenselbstorganisationen machte Prof. em. Ursula Boos-Nünning in ihrem einführenden Vortrag in der demographischen Entwicklung, neuen politischen Rechten durch den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit sowie der Entstehung migrantischer Professionseliten einerseits sowie dem Andauern von Benachteiligung andererseits aus.
Der speziellen Rolle von solchen Organisationen, die von Migrantinnen gegründet wurden, widmeten sich Dr. Patricia Latorre und Dr. Olga Zitzelsberger aus Darmstadt. Den Potenzialen der Organisationen – Selbsthilfe, Mobilisierung, Multiplikatorenwirkung und Brückenfunktion – stünden sowohl strukturelle Schwächen sowie eine mangelnde interkulturelle Öffnung der Institutionen im Wege, die MSO häufig lediglich als „Zulieferer“ von schwer erreichbaren Zielgruppen begriffen (Download der Präsentation).
Ein Beispiel für die von den beiden Referentinnen empfohlene Professionalisierung der MSO lieferte im anschließenden Vortrag Irene Krug, die das ISS-Projekt „Migrantenorganisationen als Träger von Freiwilligendiensten“ vorstellte. Die Kooperation des ISS mit der Türkischen Gemeinde Deutschland, dem Club Dialog sowie südost Europa Kultur soll zum einen MSO unterstützen, selbst Träger geförderter Maßnahmen zu werden. Zum anderen soll das Freiwillige Soziale Jahr damit einem neuen Personenkreis erschlossen werden, da Jugendliche mit Migrationshintergrund bislang in den Freiwilligendiensten unterrepräsentiert sind (Zur Projekthomepage).
In fünf parallelen Themenforen präsentierten am Nachmittag zehn MSO aus ganz Deutschland ihre vielfältigen Einsatzfelder. Als Fragestellungen, die sich durch alle Bereiche der sozialen Arbeit ziehen, wurden die Überfrachtung des Ehrenamtes sowie die Frage nach dem Spannungsverhältnis von Integration und Segregation diskutiert.
Folgende MSO wurden im Rahmen der Foren präsentiert:
Forum 1 | Überblick: Katharina Fournier/ BAG Evangelische Jugendsozialarbeit e.V. (Berlin) | |
Forum 2 | Überblick: Naime Cakir/ Kompetenzzentrum muslimischer Frauen (Frankfurt am Main) | |
Forum 3 | Überblick: Eufemio Cascón/ Bund spanischer Elternvereine in der BRD | |
Forum 4 | Überblick: Ali Koban/ ISS-Netzwerk Kinder- und Jugendhilfe (Köln) | |
Forum 5 | Überblick: Ethno-medizinisches Zentrum (Hannover) Praxis-Beispiel: Virginia Wangare-Greiner/ Maisha (Frankfurt am Main) |
Dass MSO sich nicht nur in der sozialen Arbeit in Deutschland engagieren, sondern sich zum Teil auch in den Herkunftsländern sozial betätigen, beleuchtete Roman Windisch von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in seiner Präsentation zur Rolle von Migrantenorganisationen in der Entwicklungszusammenarbeit (Download der Präsentation).
Mit einer lebhaften Podiumsdiskussion zwischen Wolfgang Barth (AWO Bundesverband), Helga Nagel (AmkA), Franco Marincola (CGIL) und Turgut Yüksel (Frankfurter Jugendring) und einer Schlussbetrachtung von Myrto Kougievetopoulos (Schader-Stiftung ) endete die Veranstaltung.
Nützliche Hinweise:
- Heft 3/2011 der Zeitschrift „Migration und Soziale Arbeit“ erscheint zum Themenschwerpunkt Migrantenselbstorganisationen
- Forschungsstudie "Migrantinnenorganisationen in Deutschland" der Referentinnen Dr. Olga Zitzelsberger und Dr. Patricia Latorre veröffentlicht.


